Wie wir uns von Blame Shifting manipulieren lassen und schuldig fühlen, obwohl wir unschuldig sind

TEXTVERANTWORTUNG: Leonard Pack

20.02.2025, 06:00 UHR

Schuldzuweisungen? Kann zu echten Problemen führen. Vor allem, wenn man die eigene Schuld auf andere schiebt.

Überall ist nur noch von Narzisst*innen die Rede. Aber nicht jeder Mensch, der sich schlecht oder egoistisch verhält, ist gleich von Narzissmus betroffen (Therapy Speak calling). Was es mit der großen Narzissmus-Lüge auf sich hat und wie die Persönlichkeitsstörung in der Psychologie tatsächlich definiert wird, können Sie hier nachlesen. Wir wollen heute über eine Taktik sprechen, die ein typisches Merkmal von narzisstischem Verhalten darstellt, weil sie eben so egozentrisch und rücksichtslos ist – tatsächlich aber auch von anderen Menschen angewandt wird: Blame Shifting. Dabei wird die eigene Schuld auf andere Menschen projiziert, sodass die sich plötzlich schuldig fühlen. Unfair, keine Frage. Trotzdem tritt dieser Narzissmus-Trick gerade in vielen Beziehungen zutage. AUCH INNERHALB DER FAMILIE

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Bei Blame Shifiting wird die eigene Schuld auf andere projiziert

Blame Shifting ist ein Verhaltensmuster, das häufig in Beziehungen, aber auch in anderen sozialen Kontexten wie in Freundschaften oder am Arbeitsplatz auftreten kann. Dabei versucht eine Person, die Verantwortung für ein Problem, einen Fehler oder ein Fehlverhalten von sich selbst auf jemand anderen abwälzt. Anstatt die eigene Rolle in einer Situation anzuerkennen und Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen, versucht die Person, die Schuld auf andere zu schieben. Problematisch bei dieser narzisstischen Taktik ist: Häufig funktioniert sie, ohne dass die betroffenen Personen etwas davon merken. Plötzlich dreht sich der Spieß um und obwohl sie eigentlich Grund gehabt hätten, verärgert zu sein, werden sie plötzlich in die Täterrolle gedrängt – und entschuldigen sich gerne mal für etwas, das die andere Person gemacht hat. Das kann Ihnen nicht passieren? Warten Sie mal ab, ob Sie sich nicht in der ein oder anderen Beispielsituation wiedererkennen.

Blame Shifting passiert häufiger, als man denken würde

Wir sind uns hoffentlich alle einig, dass Blame Shifiting ein ziemlich fieser Narzissmus-Trick ist, der gar nicht geht – und das wir solches Verhalten auch direkt unterbinden würden, sobald wir damit konfrontiert werden. Problem ist nur: Wenn man wirklich von Blame Shifiting betroffen ist, bekommt man es häufig gar nicht mit oder kann sich nicht dagegen wehren. Dem Frieden willen lenkt man dann wieder ein und übernimmt die Verantwortung für die Schuld der anderen Person. Und die wird dann in ihrem ungesunden Verhalten nur noch bestärkt. Wir haben drei klassische Blame-Shifting-Taktiken für Sie zusammengetragen, die sich in Beziehungen abspielen können – und es leider auch ziemlich häufig tun:

1. Ablenkung: Wenn Sie die Person auf ein Problem ansprechen oder Kritik äußern, lenkt sie das Gespräch direkt auf die Fehler oder Schwächen anderer oder Ihnen selbst, um von ihrem eigenen Fehlverhalten abzulenken. 

 

2. Gegenangriff: Auf Kritik reagiert die angesprochene Person mit Gegenkritik und wirft Ihnen genau das vor, was sie selbst eigentlich falsch macht.

 

3. Opferrolle: Die Person stellt sich selbst als Opfer der Umstände oder Ihres Verhaltens dar, um Mitleid zu erregen. Dabei wird auch emotionale Manipulation, zum Beispiel durch Tränen, eingesetzt.

Opfer von Blame Shifting werden manipuliert

Blame Shifiting ist nichts anderes als Manipulation, eines der wichtigsten Werkzeuge von Narzisst*innen und unempathischen Menschen, die andere gerne nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Für sie praktisch: Immerhin können sie ihre eigene Schuld von sich wegschieben und bei anderen abladen, sodass sie nach außen hin nichts falsch machen können und das, in manchen Fällen, auch selbst glauben. Für die Betroffenen ist das in vielerlei Hinsicht gar nicht schön. Zum einen werden ihre Gefühle ("Hey, die andere Person hat was falsch gemacht und mich unter Umständen verletzt.") nicht anerkannt, es findet keine emotionale Validierung statt. Zum anderen wird ihnen bei Blame Shifting eingeredet, dass sie selbst Schuld an dem Problem seien. Häufig glauben Betroffene das dann auch noch und entschuldigen sich für ihre Kritik ("Es tut mir echt leid, dass ich dich gerade so angegriffen habe, das wollte ich nicht."). Verlieren werden am Ende beide Parteien. Die eine Person kann keine Verantwortung übernehmen und lernt nicht, mit Kritik umzugehen. Die andere wird ständig von Schuldgefühlen geplagt und äußert künftig gar keine Kritik mehr, um diese Gefühle endlich loszuwerden, oder muss im schlimmsten Fall sogar die Verantwortung für die Taten der anderen Person mit übernehmen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen

Blame Shifter können keine Verantwortung übernehmen

Stellt sich die Frage, warum es Blame Shifting überhaupt gibt, wenn beide Parteien am Schluss darunter leiden. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung können gar nicht anders, sie müssen sich immer überlegen fühlen und sind nicht in der Lage, Selbstkritik zu äußern. Auch wenn sie nach außen hin häufig selbstbewusst und dominant wirken, ist ihr Selbstbewusstsein klein – und das gilt es unter allen Umständen zu beschützen. Schuld wird nur übernommen, wenn Narzisst*innen davon profitieren können. Ansonsten versuchen sie durch Blame Shifting die andere Person klein zu halten, was sie dadurch anrichten, ist ihnen häufig gar nicht bewusst. Jetzt gibt es aber auch Menschen, die nicht unbedingt eine Narzissmus-Diagnose bekommen, aber trotzdem Blame Shifter sind. Ihre Motive sind ähnlich. Sie können oder wollen keine Verantwortung übernehmen und haben große Probleme mit ihrem Ego. Und irgendwie ist es ja auch praktisch, die eignen Fehltritte nicht ausbaden zu müssen. Dass man durch diesen Narzissmus-Trick die gesamte Beziehung riskiert, ist vielen dabei aber nicht bewusst.

Blame Shifting zu bekämpfen ist schwierig, aber nicht unmöglich

Das Schwierige an Blame Shifting ist, dass man den Personen, die sowieso schon nicht mit Kritik umgehen können, geschweige denn in der Lage sind, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, das aktiv mitteilen muss. In den meisten Fällen sind sich Blame Shifter ihres ungesunden Verhaltens nämlich gar nicht bewusst. Narzisst*innen können die eigenen Handlungen nur in den seltensten Fällen reflektieren, auch andere Blame Shifter legen dieses Verhalten an den Tag, weil sie sich unterbewusst vor etwas schützen wollen. Den Menschen ihre Vermeidungsstrategie und ihre Schuldzuweisungen zu spiegeln, ist kein einfacher, aber der einzige Schritt, den Sie als betroffene Person gehen können – ruhig, verständnisvoll, immer wieder. Vielleicht und hoffentlich merken die Personen dann ja auch, was sie mit ihrem Blame Shifting anrichten. Auch Sie selbst sollten sich in diesem Zuge mal überprüfen. Verhält man sich selbst wirklich immer so einwandfrei, wie man immer glaubt? Bestimmt nicht. Einfach mal beobachten, wie man selbst auf Kritik reagiert. Das verrät viel über den eigenen Charakter.